Förderverein – Hardenberg-Gymnasium Fürth
Der Stammtisch "Althardenberg" auf Bildungsreise im Juni 2010 – "Auf den Spuren von C. A. von Hardenberg"
Protokoll der AHGF-Exkursion nach Neuhardenberg von Freitag, 18. bis Sonntag, 20. Juni 2010
Mitreisende
Die ReisendenEhrenvorsitzender Norbert Fuchs, Ehrenschriftführer Toni Reith, Ehrenreisebeauftragter Gotthard Babel, Ehren(da)beisitzer Friedrich Drechsler
Logistik
Reiseleiter Toni Reith hatte die Planung von Reiseroute, Reisezielen, Quartier und auch den Transport übernommen. Er sammelte die pünktlich dastehenden Mitreisenden am Freitag, 18. Juni, gegen 9 Uhr mit seinem Auto in Erlangen ein. Da die deutsche Nationalelf – „Jogis Jungs“ – um 13.30 Uhr ihr zweites Spiel bei der Fußball-WM ín Südafrika bestreiten musste, ging es auf Drängen eines Fußballfans unverzüglich über die Autobahn Richtung Berlin.
Freitag, 18. Juni 2010
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Erkner
Villa Lassen
Ohne Zwischenfälle (trotz anfänglichen Regens und Nebels flottes Tempo!) und nur mit wenigen Unterbrechungen (Raucherpause) erreichten wir Berlin, ließen dieses aber links liegen und steuerten das Gerhart-Hauptmann-Museum in Erkner an. Hier in der Villa Lassen erwuchsen dem schlesischen Dichterfürsten in den Jahren 1885-1889 mehrere Kinder und einige bedeutende Werke (Bahnwärter Thiel, Vor Sonnenaufgang). Die Hauptmann-Villa ist liebevoll restauriert, ausgestattet mit großbürgerlichem Mobiliar, was zeigt, dass dem Dichter von seinen Schwiegereltern einiges an Vermögen zugeflossen ist. Bild- und Zeittafeln, Originalbriefe und Erstausgaben dokumentieren die Lebens- und Schaffensfreude des Autors im grünen Domizil vor den Toren Berlins. Rechtzeitig zur 2. Halbzeit des WM-Spiels wechselten wir hochgestimmt und auf Wunsch des Fußballenthusiasten Norbert F. auf die andere Straßenseite ins Café Bechstein (die gleichnamigen Flügel werden hier in Erkner produziert) vor die Breitwandbildschirme. Die Partie verlief allerdings für die deutsche Mannschaft und die Fans wenig erfreulich (Endstand 0:1). Entsprechend ruhig ging die Fahrt nach Seelow weiter; das vorgesehene Referat von Gotthard B. zur Geologie und Geographie „Genese des Berliner Urstromtales“ fiel diesem bedrückten Schweigen zum Opfer.
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Müncheberg
St. Marienkirche
Unverhofft kamen wir in den Genuss einer ungewöhnlichen Umwandlung einer Kirchenruine in einen Multifunktionsraum für evangelische Gottesdienste, für Veranstaltungen (Konzerte, Abiturfeier!), mit Infotafeln der örtlichen Sportvereine und der in einem hölzernen „Schiffsrumpf“ versteckten öffentlichen Bibliothek.
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Diedersdorf
Schloss Diedersdorf
Das mehrfach verkaufte und klassizistisch umgestaltete Schloss (Schinkel!) gilt als „Idealbau des märkischen Herrenhauses um 1800“.
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Seelower Höhen
Kriegerdenkmal
Sie kamen in den letzten Monaten vor Kriegsende zu trauriger Berühmtheit. Der (nachgebaute) Befehlsstand des Marschalls Schukow wurde zur Gedenkstätte für die 30 000 Gefallenen gestaltet: T-34-Panzer, Haubitzen und ein gigantomanisch überdimensionierter Rotarmist dokumentieren den Sturm der Roten Armee auf Berlin. Im übrigen stießen wir in jedem Dorf auf Schukow-Denkmäler, offenbar schon zu DDR-Zeiten mehr oder weniger vernachlässigt, aber auch auf die Ruinen von Kirchen (s. 2.2.) und Herrenhäusern als Zeugen der erbitterten Kämpfe.
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Festung Küstrin
Festung KüstrinIm Gedenken an Friedrich II von Preußen fuhren wir an die polnische Grenze bei Küstrin-Kietz. Hier war der unglückliche Leutnant Katte inhaftiert, ehe er vor den Augen seines Freundes, des preußischen Kronprinzen, hingerichtet wurde. Die Reste der noch vom letzten Oderhochwasser umspülten Festungsanlage, der Blick über das Oderbruch und das überflüssig gewordene triste Grenzabfertigungsgelände ließen die bewegte Historie der preußisch-polnisch-deutschen Territorien spürbar werden. Das idyllische „Waldhotel Seelow“, umgeben von dichtem Wald am Rand von Feldern und Wiesen in LPG-Größe, macht seinem Namen Ehre – das frühere Dasein als NVA-Kaserne ist geschickt übermalt. Es bot uns am Abend Quartier und vorzügliches Essen.
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Samstag, 19. Juni 2010
Angeleitet von Friedrich D. besuchten wir einige der in Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ vermerkten märkischen Herrenhäuser und Besitztümer derer von Hardenberg.
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Friedersdorf
Kirche in FriedersdorfGlücklicherweise führt am Samstag ein Herr Dresel, junger Anwohner mit historischem Sachverstand und kritischem Urteil, durch die barocke Patronatskirche und Begräbnisstätte der Familie von der Marwitz. In ihrer stattlichen Ahnenreihe von preußischen Generälen und Offizieren ragt Generalmajor Johann Friedrich v. d. Marwitz (†1781) heraus, der sich weigerte, den Befehl Friedrichs des Großen zur Plünderung des Schlosses Hubertusburg als eines preußischen Offiziers unwürdig auszuführen. Seine Grabinschrift: „sah Friedrichs Heldenzeit und kämpfte mit ihm in allen seinen Kriegen wählte Ungnade wo Gehorsam nicht Ehre brachte“ wünschte man sich als Grundsatz bei Ministerialen oder Schulleitern heutzutage. Sein Neffe Friedrich August v. d. Marwitz kam als Anführer der landständischen Opposition gegen die Stein-Hardenberg’schen Reformen auf Betreiben Hardenbergs 1811 sogar in Festungshaft. Nach der Wende 1989 und ihrer Rückkehr engagierte sich die Familie v. d. Marwitz mit erheblichen Mitteln für Wiederaufbau und Unterhalt der Friedersdorfer Kirche.
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Neuentempel-Lietzen
Kirche in NeuentempelVom Templerorden gegründete, 1318 dem Johanniterorden übertragene Comturei, wurde das weitläufige Gut 1814 von der Herrschaft Neuhardenberg aufgekauft. Heute ist es Privatbesitz der Familie von Hardenberg, z.T. als Hotel umfunktioniert. Im Gegensatz zu Friedersdorf sind die Einwohner hier wenig begeistert von der Rückkehr ihres Fürsten.
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Buckow
Unterwegs durch die Märkische Schweiz werden verschiedene märkische Herrensitze gesichtet, mehr oder weniger ansehnlich renoviert, zum Teil schon um 1900 englisch-neugotisch mit Türmchen und Kaminen verbrämt. Wir wenden uns mit Grausen zum Schermützelsee. Gotthard B. versuchte unterwegs den Unterschied von End- und Grundmoränen zu erklären (siehe Karte) und die Begeisterung der Reisenden einzudämmen, die jede grüne Fläche als Urstromtal, jeden Müllberg als Moräne und jede Wasserfläche als Toteisloch feierten.
Brecht-Weigel-Haus in BuckowDie Brecht-Weigel-Gedenkstätte Buckow erweist sich von außen als schmucke Jugendstilvilla, die dem proletarisch-revolutionären Dichter Bert Brecht die bürgerlichen Annehmlichkeiten bot, die er als Künstler und Lebemann benötigte. Im Inneren zeigen die Exponate, Originalbriefe an die SED-Führung, Werkausgaben und Bühnenbilder, wie sehr B. B. und die Weigel an dem Missverhältnis zwischen Kunst und Partei, Ideal (gesellschaftlicher Fortschritt) und Realität (17. Juni 1953) litten. Nachdenkenswert und kryptisch der Eintrag eines Besuchers im Gästebuch in Anspielung auf das B.B.-Gedicht „An die Nachgeborenen“:
„An den Vorgeborenen, Regierende und die Mehrheit des Volkes werden immer ähnlicher. Wahrlich düstere Zeiten!“, 18.6.2010
Der Vermerk unseres Ehrenvorsitzenden: „durch reizlose Landschaft (Theodor Fontane) auf den Spuren Hardenbergs“ konnte das nicht überbieten und wurde trotz unserer Unterschriften vom Ehrenschriftführer durch den Zusatz „Minderheitenvotum“ relativiert. Im Garten zwischen Rosenrabatten und Badesteg („Hier soll B.B. nackt …“) bemühten sich die pensionierten Germanisten, sich ihrer in den 60er Jahren erworbenen literarischen Deutungskompetenz zu erinnern und die Vieldeutigkeit des Gedichts „Beim Radwechsel“ zu beleuchten. Einig war man sich, dass die in Buckow geschriebenen „Elegien“ durchaus den genius loci erkennen ließen. Passend röhrten vor dem Gartentor immer wieder Harley Davidsons auf; die vermeintlich literaturbeflissenen Rocker (Klasse der Werktätigen?) entpuppten sich aber als nur an der Hausnummer 50 interessierte Rallyeteilnehmer – Spießer halt. Beim Bummel über das Buckower Rosenfest beeindruckte mehr als die üppigen Accessoires der Rosenkönigin die Kirche mit ihrem markanten Turm (Schinkel!).
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Quilitz/Neuhardenberg
Schloss Neuhardenberg1814 erhielt Fürst-Staatskanzler C.A. von Hardenberg für seine Verdienste Quilitz und weitere 13 Güter als Dotation, die in „Herrschaft Neu-Hardenberg“ umbenannt wurden. Das weitläufige, heute von einem Hotelkonzern vermarktete Schloss zu erkunden, erwies sich als schwierig (private Nobelhochzeit). Daher begnügten wir uns damit, den Komplex zu umrunden, einen Blick durch die Hintertür zu riskieren und nach den zum Ärger Hardenbergs von seinem Schwiegersohn Fürst Pückler entfernten alten Bäumen zu suchen. Die englische Parkanlage gefiel uns trotzdem.
In der durch Schinkel (!) klassizistisch überholten Schlosskirche fand am Abend Christa Wolfs Lesung aus ihrem Roman „Störfall“ (1987!) statt. Zu sehen, wie gebrechlich die 81-Jährige mit einer Krücke auf die Bühne kommt, und zu hören, wie konzentriert, dynamisch und geistig präsent die „Alte Dame der DDR-Literatur“ auftritt, war ein echtes Erlebnis und Highlight unserer Exkursion. Die anschließende Podiumsveranstaltung mit ihrem Mann Gerhard und ihrem Künstlerfreund Günther Uecker („Aschebilder“) versuchte den GAU von Tschernobyl und die aktuelle Diskussion um die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken mit der persönlichen Betroffenheit von damals zu verknüpfen. Fragen an die Beteiligten waren nicht vorgesehen, auch keine Bemerkungen zum neuesten Werk „Stadt der Engel“ von Christa Wolf, das sie zwei Tage zuvor in Berlin vorgestellt hatte. Das war etwas enttäuschend. Umso überraschender nach der Lesung die Möglichkeit im Altarraum festzustellen, dass das Herz von Fürst Hardenberg tatsächlich hier beigesetzt ist.
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Sonntag, 20. Juni 2010
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Lebus
Die Stadt war einmal Bischofssitz (1124-1385). Vom steil zur Oder abfallenden Sporn der Grund-moränenplatte (circa 50 m NN), auf dem eine Burg stand, hat man einen weiten Blick auf die deutsch-polnische Grenzregion und den vom Hochwasser mächtig angeschwollenen Fluss. Wir waren ebenfalls mächtig beeindruckt und posierten zum Gruppenfoto vor dem Grenzpfahl.
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vor dem Grenzpfahl |
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Frankfurt/Oder
Die Stadt hat den Besuchern einiges zu bieten, als Grenzübergang nach Polen (Oderbrücke), als Universitätsstadt (Europa-Universität Viadrina), als Kulturzentrum (Kleist-Museum, Carl Philipp Emanuel Bach-Konzerthalle). Die Stadtbesichtigung führte zunächst in die St. Marienkirche, einen Prachtbau der Backstein-Gotik, dessen mittelalterliche Kirchenfenster 2002 von Russland zurückgegeben wurden. Norbert F. interessierte sich vor allem für die Darstellung der Beschneidung Jesu, doch auch Kleist-Museumeinige verwegen moderne Skulpturen der apokalyptischen Reiter fanden unseren Beifall. In der Konzerthalle, dem ehemaligen Franziskanerkloster, gerieten wir in die Vorbereitungen zur Schulabschlussfeier, wurden aber als Wessis freundlich-nachsichtig behandelt. Der lange und intensive Blick von der Uferpromenade auf die Oder durfte natürlich nicht fehlen.
Das Kleist-Museum entpuppte sich als literatur- und kulturhistorisch hervorragende Sammlung. Nicht nur Leben und Werk Heinrichs von Kleist, sein Streben nach Erfolg und Anerkennung sowie sein tragisches Ende 1811 am Wannsee sind durch Exponate dokumentiert. Ein hübsches Projekt ist die Ausstellung „Caroline de la Motte Fouqué – Der Mode Töchter“, die (geborene von Briest!) als eine erste Feministin die Damenmode und die Veränderungen im Frauenleben der Zeit von 1780 bis 1830 kommentierte.
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Kloster Lehnin
Kloster LehninAuf der Heimfahrt führte uns Reiseleiter Toni R. an einen „Überraschungsort“, um dem innigen Wunsch unseres Ehrenvorsitzenden nach seelischer Einkehr zu entsprechen. Kloster Neuzelle lag zu weit südlich, daher besuchten wir das 1180 gegründete, 1542 säkularisierte ehemalige Zisterzienserkloster. Es spielte bei der Grenzsicherung und Befriedung der Slawen in der Mark Brandenburg eine besondere Rolle und ist, schon im 19. Jh. mustergültig restauriert, heute ein herausragendes Beispiel der Backstein-Gotik. Dass hier auch eine Vorzeigeeinrichtung für Seniorenbetreuung besteht, konnte uns aber nicht davon abhalten, auf dem direktesten Weg nach Erlangen zurückzufahren.
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Unerledigtes
* Kloster Neuzelle (s. oben), Fürst Pückler Park Muskau, Chorin unter anderem nicht gesehen. * Das Männerhaus: „Bundesweit einzigartige Einrichtung im brandenburgischen Ketzin bietet Schutz, wenn die Partnerin zuschlägt“ (Erlanger Nachrichten 22.6.2010) wurde ignoriert. Protokollant: Gotthard Babel
weiter zum Protokoll der zwanzigsten Sitzung
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