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Förderverein – Hardenberg-Gymnasium Fürth

Ehemalige – Dr. Fritz Böbel, Abiturjahrgang 1948, erinnert sich an die Schulzeit in der Kriegs- und Nachkriegszeit

Was damals alles möglich war

Schule lässt sich als eine vielgliedrige Institution oder auch als einen vielseitigen Organismus charakterisieren. So gehören zur Schule Räume, Tische, Bänke, Lehrpläne, Hausmeister, Hefte, Prüfungen, Zeugnisse, Lehrbücher und noch manch anderes. Das wichtigste ist aber noch nicht genannt: der Lehrer. Der Lehrer mit seinen Schülern ist der Kern der Schule. Sie sind die constitutiva der Schule. Wo Lehrer und Schüler, da ist Schule. Wir haben nach 1945 diese Zurückführung auf den Kernbereich, diese reductio ad magistrem et discipulos tatsächlich erlebt. Unser Schulgebäude war kriegsbedingt als Lazarett belegt, Lehrbücher hatten wir keine. Die bisherigen waren NS-verseucht und waren daher aus dem Verkehr gezogen. Selbst Hefte waren rar. An Anschauungsmaterial war nicht zu denken. Aber auch ohne dies alles hatten wir Schule. Auch wenn die Lehrer in den Räumen einer Wirtschaft agierten und die Schüler auf Zeitungsränder schrieben. Daher heißt Rückblick auf die Schule zuvörderst Erinnerung an die Lehrer, die wir hatten.


Schulleiter Oberstudiendirektor Dr. Cramer

Seine Stammfächer waren Mathematik und Physik, aber darüber hinaus war er ein vielseitig gebildeter Mann. Man erzählte sich, dass er in zehn Sprachen heimisch sei. Dies Gerücht muss einen gewichtigen Realitätskern gehabt haben. So berichtete mir mein Religionslehrer und späterer Kollege, Dr. M., dass Dr. Cramer das Neue Testament in koptischer Sprache lese. Seine philologischen Kenntnisse stellte er nicht unter den Scheffel. Wenn zum Beispiel eine Lehrprobe eines Referendars stattfand, ließ er es sich nicht nehmen, am Schluss der Stunde nach vorn zu gehen, und einige in der Stunde vorgekommene Fremdwörter bis auf ihre indogermanische Wurzel zurückzuverfolgen.

Da während des Krieges Lehrermangel herrschte, weil die jungen Lehrer zum Militärdienst eingezogen waren, erteilte der Chef selbst Unterricht, und so kamen wir in den Genuss seiner didaktischen Bemühungen. Zwei Beispiele davon seien kurz berichtet. Er führte uns in der 9. Klasse nach heutiger Zählung in die Grundlagen der Mathematik ein und wir füllten Heft um Heft mit dieser Materie. Bis wir zum eigentlichen Stoff der Klasse kamen, das Rechnen mit Potenzen, waren wir so verwirrt, dass wir die einfachsten Rechenweisen nicht mehr vollziehen konnten. Das Ergebnis war, dass die Schulaufgabe den Notendurchschnitt von 5,3 hatte und die beste Note eine 3 war, die als Einziger ein Schüler erhielt, der Mathematik für sich als Hobby betrieb. Man denke aber ja nicht, dass wegen des schlechten Notendurchschnitts die Schulaufgabe kassiert worden wäre, oder der Lehrer selbstkritische Fragen an seine Lehrkunst gestellt hätte – das lag ihm völlig ferne. Vielmehr erbrachte die Schulaufgabe den schlagenden Beweis für unsere geistige Dürftigkeit und legte den Verdacht nahe, dass wir fürs Gymnasium ungeeignet seien.

Aufgrund dieser Episode könnte der Eindruck entstehen, dass beim Herrn Direktor erhebliche Defizite in paedagogicis et didacticis vorgelegen hätten. Das war aber nicht der Fall, wie ich später, als ich selbst unterrichten musste, feststellen konnte. Mir fiel nämlich ein schmales Büchlein, vom Buchner Verlag in Bamberg herausgegeben, in die Hände, das die Vorträge, die Dr. Cramer im Rahmen der Seminarausbildung vor den Referendaren gehalten hatte, enthielt. Sie sind so kenntnisreich, nützlich und anschaulich, dass ich daraus in meinen „Didactica concreta“ zitiert habe. An dieser Stelle könnte man ins Sinnieren kommen über das Verhältnis von Theorie und Praxis.

Zur Abrundung seiner Persönlichkeit und seines Wirkens ist noch anzumerken, dass er dem Nationalsozialismus nicht wohlgesinnt war, weswegen er gegen Kriegsende in das von Bomben zerstörte Schweinfurt strafversetzt wurde. Er ließ sich jedoch in den Ruhestand versetzen mit der Bemerkung: „Diesem System diene ich nicht mehr“. Nach Ende des 3. Reiches wurde die Versetzung rückgängig gemacht, und er spielte bei der Neuordnung des Schulwesens in Bayern eine beachtliche Rolle, war Ministerialbeauftragter für Mittel- und Oberfranken.

Die vorgeführte Mathematik-Schulaufgabe zeigt, wenn auch im Extrem, dass das Gymnasium sich als Ausleseschule verstand: die Ungeeigneten sollten aus dem Gymnasium ausscheiden und die Verbleibenden straff gefordert und effektiv gefördert werden. Wir hatten manchmal den Eindruck, dass die Lehrer es als einen positiven pädagogischen Effekt ansahen, wenn sie wieder einen Schüler zum Verlassen des Gymnasiums bewegen konnten. Die somit gegenläufigen Interessen von Lehrern und Schülern – Lehrer wollten möglichst viele draußen haben, Schüler wollten möglichst drin bleiben – bestimmte die Schulatmosphäre als unterschwelligen „Klassenkampf“. Nicht alle Lehrer führten ihn - wir hatten auch treffliche Pädagogen, die einen sachlich anspruchsvollen und zugleich didaktisch gut abgefederten Unterricht erteilten.


Biologie und Chemie / Mathematik und Physik

Da war etwa Studiendirektor Dr. S., seines Zeichens Biologe und Chemiker, zugleich Konrektor. Seine Ausführungen – er pflegte den freien Vortrag – waren klar, anschaulich, einprägsam, schier von dramatischer Kraft. Er hielt auch Lichtbildervorträge über Tilmann Riemenschneider. Oder da war der Mathematiker und Physiker W. Er konnte verwickelte Zusammenhänge verdeutlichen, aufzeigen, schrittweise gliedern. Wenn er einen mathematischen Beweis entwickelte, forderte das Mitgehen höchste Konzentration. Man spürte schier die physische Gehirnanstrengung. Aber es ermöglichte so etwas wie geistigen Eros, ein tiefes Glücksgefühl ob des Erkennens.

Da ist weiterhin an den Mathematiklehrer W., mit Spitznamen Plattl (eine Anspielung auf das fehlende Haupthaar) zu denken. Im Unterschied zu Dr. Cramers Methode differenzierte er die Aufgabenstellung. Da gab es eine Aufgabe, die man, so man fleißig die Hausaufgaben gemacht und im Unterricht aufgepasst hatte, ohne weiteres lösen konnte. In heutiger didaktischer Sprache nennt man das einen einfachen Transfer. Daneben gab es eine weitere Aufgabe, die ein gewisses selbstständiges Denken verlangte. Selbst wenn der Schüler bei der zweiten Aufgabe völlig versagte, hatte er doch mit der ersten einige Pluspunkte gesammelt, so dass der Absturz in den Mangelhaft- und Ungenügend-Noten-Bereich verhindert wurde. Die Endnote war dann eben eine Drei oder eine Vier. Plattl war in noch anderer Hinsicht bemerkenswert. Er betrat mit einem schmalen Mäppchen unter dem Arm eiligen Schritts das Klassenzimmer, wartete mit dem Gruß gar nicht bis in der Klasse Ruhe eingekehrt war, sondern strebte dem Lehrerpult zu und noch im Gehen hob er flüchtig die Hand zum Gruß und sagte „Heil Hitler“, wobei er die letzte Silbe des Namens verschluckte, sodass der Gruß zu Heilhit verkürzt wurde. Wir hielten damals diesen Grußvorgang für eine der vielen Kuriositäten, die sich ein Lehrer leisten darf. Aber es dürfte hinter dieser Verflüchtigung des „Deutschen Grußes“ mehr gesteckt haben. Plattl war nämlich, wie wir später erfuhren, ein praktizierender, bewusster Katholik.


Latein und Geschichte

Etwas von einem Grandseigneur hatte Oberstudiendirektor L. an sich, den wir in den letzten beiden Jahren in Latein und Geschichte hatten. Er war gegen Ende des Krieges aus Schlesien gekommen, wo er in Breslau die Leitung einer Schule inne hatte. Ihm ging es nicht nur um intellektuelle Schulung und Vermittlung von Wissen, sondern letztlich um humane, geistige Bildung. So kehrte in seinem Geschichtsunterricht eine Mahnung und Maxime immer wieder: „Haben Sie Ehrfurcht vor dem geschichtlich Gewachsenen.“ Er selbst realisierte dies in der Art, in der er unterrichtete, auf eindrucksvolle Weise. Wie sehr er sich in eine geschichtliche Situation hineinbegeben konnte, zeigte sich bei der Behandlung des Zusammenbruchs der freiheitlichen und nationalen Burschenschaftsbewegung (Wartburgfest) im 19. Jahrhundert. Die Trauer darüber ergriff ihn so, dass ihm die Tränen kamen. Wir waren davon so ergriffen, dass wir in der Klasse niemals, auch nur mit einer Silbe, darauf zu sprechen kamen.

Seine Großzügigkeit kam auch noch an einem anderen Punkt zum Vorschein. Er bezeichnete das Abschreiben bei Schulaufgaben als würdelos, als Zeichen einer „Sklavenseele“. „Wenn Sie etwas nicht wissen, dann fragen Sie lieber mich“. Eine Schülerin, das einzige Mädchen in unserer Klasse, nahm ihn beim Wort und fragte während der Schulaufgabe: „Bitte, was heißt aestas?“ Nun war damit eine heikle Situation gegeben. Wenn L. die Auskunft verweigerte, war seine Glaubwürdigkeit in unseren Augen dahin, und wenn er sie erteilte, verstieß er gegen die Schulordnung. Aber unser Lehrer L. klärte die Situation souverän, zu allseitiger Befriedigung. Er fragte nämlich dagegen: „Wissen Sie, was hiems heißt?“ Die Schülerin antwortete: „Ja, Winter“. Darauf L.: „Sehen Sie, aestas ist gerade das Gegenteil.“


Musik / Erdkunde

Die Reihe bemerkenswerter Lehrer ist noch nicht zu Ende. Da war auch eine junge Musiklehrerin, Ruth E., die einfühlsam unsere musische Bildung förderte, und deren Charme manches Schülerherz höher schlagen ließ.  Und nicht zu vergessen Studienprofessor O., mit Spitznamen „Bauch“, was eine treffliche Anspielung auf seine anatomische Beschaffenheit war. Bei ihm waren die originellen Einschläge besonders ausgeprägt. So versäumte er es im Erdkundeunterricht über Deutschland nicht, darauf hinzuweisen, wo es die besten und billigsten Torten und Bratwürste und dergleichen gab. Für ihn gehörte eine konkrete Gaststätten- und Kaffeehauskunde zur Geografie.

Er hatte auch eine besondere Methode für die Durchführung der Extemporalien. Das ging folgendermaßen vor sich. Wir hatten unsere Hefte hervorzunehmen, uns dann in einer Reihe hintereinander zu setzen, dann sagte der Lehrer eine Frage, zum Beispiel: „Im welchen Jahr ging der deutsche Kaiser nach Canossa?“, auf die mit nur einem Wort bzw. nur einer Zahl zu antworten war. Selbiges war ins Heft einzutragen und sofort mit dem Fließblatt abzudecken, um Abschreiben zu verhindern. Auf diese Weise wurden zehn Fragen gestellt. Dann kam das Kommando: „Federhalter weg, Hefte zu. Die Letzten sammeln die Hefte ein und bringen sie ans Pult vor.“ Dann setzte er sich hinter das Pult und korrigierte, während wir einer Still-Beschäftigung oblagen. Er nahm von dem Stoß Hefte eines weg, rief den Namen des Hefteigentümers auf, welcher sich nach vorn zu begeben und neben dem korrigierenden Lehrer Aufstellung zu nehmen hatte. Er schaute zu, wie der Lehrer mit Rotstift Fehlendes oder Falsches anstrich. Die Notengebung war eminent einfach und transparent: Bei null Fehler = 1, bei einem Fehler = 2, schließlich bei 5 und mehr Fehlern = 6. Wenn dann im Heft eine 5 oder 6 prangte, legte er den Rotstift weg und sagte: „Hä, wie hättn wirs denn, des Fritzle hat mal wieder nix gelernt“,  zog den Schüler am Haarschopf zu sich herab und verabreichte ihm links und rechts eine Ohrfeige, welche allerdings, mit seinen fleischigen Händen ausgeführt, nicht sehr schmerzte. Auch im Rückblick muss ich zugeben, dass diese Methode etliche Vorzüge hat: prompt, durchsichtig, zeit- und kraftsparend. Und so habe ich, abgesehen von den Ohrfeigen, später als Lehrer bei gewissen Lernstoffen selbst O.s Methode verwendet.


Deutsch und Geschichte / Religion / Englisch

In der Mittelstufe hatten wir in Deutsch und Geschichte Dr. R.. Er erteilte einen gut vorbereiteten, lerneffizienten Unterricht. Er war ein ausgewiesener Heimatforscher und zugleich ein überzeugter, idealistischer Nationalsozialist. Er bekleidete auch das Amt des stellvertretenden Kreisleiters. Seine politische Einstellung kam in einer Geschichtsstunde über den Siebenjährigen Krieg besonders deutlich zum Ausdruck. Er arbeitete heraus, in welch trostloser Situation sich Friedrich der Große befand und wie es dennoch zu einer glücklichen Wende des Krieges für ihn kam. Die aktuelle Botschaft, die Dr. R. mit dieser Stunde angesichts der sich abzeichnenden Niederlage Deutschlands sich selbst und uns zusprach, war klar: verzweifelt nicht, es kann noch eine überraschende Wende zum Guten geben.

Noch auf eine andere Weise bekannte er sich zu seiner politischen Einstellung. Er erschien in den Monaten, da die Niederlage Deutschlands und das Ende des Nationalsozialismus’ immer näher rückten, zum Unterricht in brauner Amtswalter Uniform, mit umgeschnalltem Revolver. Mein Empfinden über diese Demonstration der Wehrhaftigkeit war zwiespältig. Einerseits fand ich es lächerlich, sich mit einem Revolver gegen eine anrückende Armee zu stellen. Andererseits fand ich es respektabel, dass er in der Krise zu seiner politischen Einstellung stand und sich dazu bekannte, während andere schon ihr Parteiabzeichen unter dem Revers versteckten.

In der Reihe bemerkenswerter Lehrer darf unser Religionslehrer, Kirchenrat Dr. M., nicht fehlen. Er war eine starke Persönlichkeit mit ausstrahlender Autorität, so dass es bei ihm keine Disziplinprobleme gab. Hinzu kam, dass er in der Lage war, auch seinen kritischen Schülern geistig-argumentativ – meist mit einem Schuss Überlegenheit versetzt – eindrucksvoll zu be- und entgegnen.

Von unseren Lehrern ist schließlich noch unser Englischlehrer P., den wir in der Oberstufe hatten, zu erwähnen.  Er war ein gewissenhafter, penibler Lehrer, bis in sein äußeres Gehabe, von abgezirkelter, akribischer Genauigkeit. Was wir an ihm besonders schätzten, das war seine „Unbestechlichkeit“. Auch wenn ein Schüler ihn aufs äußerste provoziert und mit schlechtem Benehmen bis aufs Blut gereizt hatte, trug er ihm das nicht nach und ließ sich davon in der Bewertung der Leistung nicht bestimmen. Es entsprach unser aller Empfinden, dass er „The Justest Teacher of our School“ war, so der Titel eines würdigenden englischen Artikels, den ich für die Abiturzeitung über ihn zu verfassen die Ehre hatte.


Schulkosten

Als ich 1939 ins Gymnasium kam, gab es weder Schulgeld- noch Lernmittelfreiheit, die heutzutage als selbstverständliches Anrecht angesehen werden. Wir empfanden die damalige Regelung keineswegs als ungerecht, denn der Besuch einer höheren Schule war ein Privileg, und verschaffte einem nicht nur höheres Ansehen, sondern auch gehobene Berufsmöglichkeiten. Wenn man also – so war unser Empfinden – vom Besuch einer höheren Schule erhebliche Vorteile hatte, durfte die Ausbildung auch etwas kosten. Praktisch schaute dies so aus: Einmal im Monat erschien der Hausmeister mit einem ziemlich großen, flachen Holzkasten im Unterricht. Wir hatten zu diesem Termin unser Schulgeld in Tütchen, mit Aufschrift, dem Namen und der Höhe des Schulgelds, versehen, mitzubringen und dem Hausmeister auszuhändigen, der die Tütchen in den Kasten einordnete. Das Schulgeld betrug zwanzig Reichsmark im Monat. Bei geringem Einkommen der Eltern und ordentlichen Leistungen des Schülers wurde stufenweise Nachlass gewährt.

Keine Lernmittelfreiheit bedeutete, dass die Schüler bzw. die Eltern die Bücher selbst kaufen mussten. Angesichts der erheblichen Kosten, die das für die verschiedenen Fächer verursachte, suchte man den Aufwand möglichst gering zu halten. Man verkaufte also am Ende des Schuljahres die eigenen Bücher an die untere Klasse, und erstand von der oberen Klasse, was im kommenden Jahr gebraucht wurde. So entwickelte sich ein lebhafter „Buchhandel“, bei dem man bestrebt war, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen. Diese Aussicht auf den schulinternen Büchermarkt am Ende des Schuljahres hatte auch einen erzieherischen Dauereffekt: man befleißigte sich eines pfleglichen Umgangs mit den Büchern, denn je besser sie erhalten waren, umso höheren Verkaufserlös konnte man erzielen.


Der Krieg war spürbar

Bis zum Jahr 1943 blieben wir weitgehend von Luftangriffen verschont, aber das änderte sich von da an spürbar. Immer häufiger heulte nachts, später auch am Tag, die Luftschutzsirene mit ihrem grausigen ab- und anschwellenden Ton und riss einen aus dem Schlaf. Benommen taumelte man aus dem Bett, schlüpfte in die griffbereit gelegten Kleider, nahm das Allerwichtigste, Ausweise, Geld et cetera, und rannte in den Keller. Zu meinem Luftschutzgepäck gehörten auch Bücher – so wertvoll waren sie mir. Ich hatte eine mittelgroße Kiste, in die ich die wichtigsten Bücher verstaute. Als der Luftalarm immer häufiger wurde, ließ ich die Bücherkiste samt Inhalt im Keller stehen, da es mir zu mühsam war, die schwere Kiste immer wieder drei Treppen runter und rauf zu tragen. Die Folge war freilich, dass sich mit der Zeit die Bücher durch Feuchtigkeit leicht wellten und verzogen. Noch heute sieht man der „Knaurs Weltgeschichte“ die Folgen des Kelleraufenthalts an. So saß man stundenlang im feuchten und kalten Keller, döste vor sich hin und wartete ungeduldig auf die Entwarnung.

Freilich ging es nicht immer so ruhig zu. Dann hörte man das Dröhnen und Brummen der viermotorigen Bomber, hörte das Abwehrfeuer der Flakgeschütze, hörte die ersten Einschläge, die den Boden erzittern ließen und das Licht auslöschten. Es herrschte eine bange, angsterfüllte Stille, in der man manchmal eine betende Stimme hörte. War Entwarnung gegeben - durch einen gleichmäßigen Heulton der Sirene -, begab man sich nach oben, schaute in Richtung Nürnberg, wo der Himmel in einer Feuerwand loderte. Die Gefühle waren gemischt: Trauer, Kummer, Zorn, Mitleid - dankbare Erleichterung.

In den letzten beiden Kriegsjahren diktierten die Luftangriffe den Tages- und Nachtablauf, auch das Leben der Schule. Wenn nachts ein kurzer Luftalarm gewesen war, begann der Unterricht erst nach der zweiten Stunde, wenn längerer oder gar zweimaliger Luftalarm stattgefunden hatte, wurde der Unterricht nachmittags gehalten.

Aus der Kriegszeit sind mir zwei Episoden besonders eindrücklich gewesen und daher in deutlicher Erinnerung geblieben.


Episode 1 - Gebietsführer Dr. Raschke

Es war im Herbst 1944. Die Schüler der 9. Klassen aus den Fürther Gymnasien waren in den großen Saal des Berolzheimerianum befohlen. Dort hatten sie einzeln nach vorn zu kommen, wo der Gebietsführer Dr. Raschke stand, und hatten militärmäßig Meldung zu machen. Der Gebietsführer fragte dann den Schüler, ob er sich schon freiwillig zum Wehrdienst gemeldet habe und wenn ja, zu welcher Waffengattung. Wer dies glaubhaft bezeugen konnte, konnte unbehelligt an seinen Platz zurückgehen. Anders erging es denjenigen, die sich noch nicht freiwillig gemeldet hatten. Sie forderte der Gebietsführer auf, sich zur Waffen-SS zu melden. Sie sollten die Meldung sogleich vornehmen. Hinter einem langen Tisch an der Stirnwand saßen Waffen-SS Soldaten, bei denen man die schriftliche Erklärung abgeben sollte. Von den Anwesenden über hundert Schülern haben nur zwei erklärt, dass sie sich nicht zur Waffen-SS melden wollten.


Episode 2 - Krieg und Schulaufgaben

Da in der Nacht ein längerer Luftalarm statt gehabt hatte, ging ich erst am Nachmittag in die Schule. Mein Weg führte mich über die Amalienstraße. Dort sah ich ein von einer Bombe getroffenes Haus. Es war wie von einem großen Messer im Querschnitt halbiert, sodass man all die Wohnräume in dem Teil, der stehen geblieben war, sehen konnte. Das Haus gab den Blick frei auf sein Inneres, die tapezierten Wände, Möbel, Ofen und andere Einrichtungsgegenstände. Vor dem Haus standen Leichenautos, in die gerade Särge geschoben wurden. Nach einem kurzen Aufenthalt vor dem zerstörten Haus, setzte ich meinen Weg zur Schule fort, denn wir hatten eine Physikschulaufgabe zu schreiben. Ich empfand eine ungeheure Diskrepanz zwischen dem Schulbetrieb mit seinen Aufgaben und Sorgen und dem Geschehen von Leben und Tod. Ein Hauch von Entwertung, von Skurrilität, von Sinnlosigkeit wehte mich an. Wie nimmt sich eine Schulaufgabe vor solchem Hintergrunde aus?

Rückblickend stelle ich fest, dass wir in der Oberstufe trotz der äußerlich sehr dürftigen Verhältnisse einen qualitativ wertvollen und interessanten Unterricht hatten. So ließ uns Dr. T., der während des Krieges in der Forschung und Waffenentwicklung gearbeitet hatte, an den neuesten physikalischen und astrophysikalischen Erkenntnissen schnuppern. So ließ uns eine junge charmante, unkonventionell unterrichtende Referendarin, Frau R., mit Hilfe von Schülerreferaten und anderem Einblicke in die bedeutendsten Dichtungen deutscher Zunge von der Klassik bis zur Gegenwart. So referierte Oberstudienrat K., ein überzeugter Anthroposoph, über die wichtigsten Phasen der russischen Geschichte. So ließ uns Dr. G., der während des Krieges beim deutschen Wetterdienst tätig war, einen Blick in die Meteorologie tun. So forderte und förderte der Deutschlehrer D. das Schreiben von Besinnungsaufsätzen, indem er anspruchsvolle Themen stellte. Etwa das Goethewort „Kunst und Wissenschaft gehören der Welt an. Vor ihnen schwinden die Schranken der Nationalität“.


Das Elend danach

Die Nachkriegszeit, die für mein Lebensgefühl bis zum Jahr 1948, genauer bis zum Tag der Währungsreform am 20. Juni reichte, war eine Zeit des großen Mangels auf allen Gebieten. Während in den Kriegsjahren die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern halbwegs zufriedenstellend lief, wurde jetzt der Mangel immer schneidender und härter. Es fehlte an allem und jedem: an Kohle und Brot, an Milch und Tabak, an Nägeln und Schuhen, an Wohnraum und Butter und, und... Von Amts wegen versuchte man durch Rationierung und Bewirtschaftung dem Mangel zu begegnen. Das bedeutete, dass man nur so viel Lebensmittel kaufen konnte, wie einem durch die Lebensmittelkarten zugewiesen wurde. Und das waren schließlich nur noch Hungerrationen, mit denen man kaum das Leben fristen konnte. Die Bevölkerung entwickelte alle möglichen Strategien und Aktivitäten, um ihre Versorgungslage etwas aufzubessern. Man tauschte bei den Bauern wertvolle Gegenstände wie Schmuck, Porzellan, Bettwäsche, Teppiche und anderes gegen Milch, Butter, Fleisch und Kartoffeln. Das Geld war so wertlos geworden, dass man auf das Niveau einer Tauschwirtschaft zurückfiel: Ware gegen Ware.


Die Mangelsituation in der Schule

Die Mangelsituation wurde auch in der Schule stark spürbar. Da die Versorgung mit Kohle bzw. Koks knapp war, wurde sehr sparsam geheizt. Die Folge war, dass wir zeitenweise angetan mit Mänteln und Handschuhen in unseren Bänken saßen. Da manchmal das Heizmaterial völlig ausblieb, konnte überhaupt nicht unterrichtet werden. Die Folge war, dass es tage-, ja wochenlang Kälteferien gab. Der Mangel erstreckte sich auch auf Unterrichtsmaterialien. So waren selbst Schulhefte ein rarer Artikel. Aber auch auf diesem Gebiet machte die Not erfinderisch und führte zu lindernden Notlösungen. So wurden wir, die Abiturklasse, in den Kälteferien im Lehrerzimmer, in dem ein extra Kohleofen stand, unterrichtet.

Eine andere Hilfe war die Schulspeisung. Kirchen und karitative Gruppen in Amerika schickten Lebensmittel ins hungernde und darbende Deutschland. So erhielten die Schulen ein kalorienreiches Trockenpulver, aus dem vor Ort eine wohlschmeckende süße Suppe mit Rosinen bereitet wurde. Die Speisung ging so vor sich: Jeder Schüler hatte einen Napf nebst Esslöffel unter seiner Bank stehen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt rückten die Schüler klassenweise zur Speisung aus. Es ging ins Souterrain, wo jeder Schüler aus den dort stehenden großen Töpfen einen Schlag Suppe erhielt. So mit Nahr- und Schmackhaftem versehen, ging es zurück ins Klassenzimmer, wo man die köstliche Speise löffelte. Falls bei der Verteilung Suppe übrig blieb, durfte die Abiturklasse nachfassen, ein hochwillkommenes Privileg.


Abitur – Ende gut, alles gut

Unser Abitur schrieben wir im Juni 1948, kurz vor der Währungsreform. So kärglich die äußeren Verhältnisse waren, unser Abitur „war nicht von Pappe“. Im Unterschied zu späteren Jahrzehnten, in denen die Anzahl der Prüfungsfächer, vor allem im Rahmen des Kollegstufenmodells, stark reduziert wurden, hatten wir in einer Vielzahl von Fächern: Latein, Englisch, Deutsch, Religion, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Zeichnen schriftlich Rechenschaft zu geben. Die schriftliche Prüfung selbst war sehr dicht in der Durchführung, das meint, wir hatten an einem Tag sowohl vor- wie nachmittags in verschiedenen Fächern zu schreiben, eine Anforderung, gegen die heute Eltern und Schüler lauthals protestieren würden.

Zum Schluss sei explizit gesagt, was bisher immanent schon da war: Dank unseren Lehrern!


Dr. Fritz Böbel

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 07. November 2010 um 16:23 Uhr