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Förderverein – Hardenberg-Gymnasium Fürth

Ideen und Wünsche – Der Lehrerwunsch des Monats September 2009

Das Interview

 

Der Lehrerwunsch des Monats – das Interview mit Studiendirektor Karl Track


Hallo Herr Track, das Schuljahr hat gerade begonnen – das wievielte ist es in Ihrem Berufsleben?

Herr TrackMein Berufsleben hat mit der Seminarausbildung im Jahr 1975 begonnen, da will man gar nicht ausrechnen, wie lange das her ist. Dabei kommt es mir noch gar nicht so lange vor, da es stets neu und spannend war und ist. Also können das erst ein paar Jahr sein, die ich am HGF bin. Es macht einfach Spaß und ist immer wieder voller Überraschungen. Und ein paar Jahre kann ich mich ja noch daran freuen.

Der Anfang dieses Schuljahres wurde allerdings von der unfasslichen Gewalttat am Ansbacher Carolinum Gymnasium überschattet. Sie sind einer der erfahrensten Pädagogen am Hardenberg. Wir möchten mit Ihnen heute nicht über Schüler sprechen, die in exzessive Gewalt ausbrechen, sondern über die, die in stiller, schweigsamer Verzweiflung Konflikte in sich auszutragen versuchen. Konflikte, die die Kinder und Jugendlichen gar nicht zu verantworten haben, weil sie in Familie und Gesellschaft begründet liegen – Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholismus, Gewalt, Lieblosigkeit... – und die sie doch, wie einen eigenen Makel, als zutiefst beschämend empfinden. Rückzug und Scham als Ausweg vor dem Zerriebenwerden zwischen eigener Realität und schulischer Normalität und deren, wenn auch im guten Sinne, elitären Werten. Auch wenn sie Einzelfälle sind – manchmal gerade deshalb – gehen solche Kinder in Schulen und unter Mitschülern leicht verloren, nicht aus intellektueller, sondern aus seelischer Überforderung. Inwieweit sehen Sie Lehrer und Lehrerinnen hier in der Verantwortung und Pflicht?

Das ist das Dilemma des Systems. Noch nicht lange her, kam eine Schülerin in der Grünen Halle auf mich zu, die immer wieder mal bei verschiedenen Dingen in der Schule wie selbstverständlich geholfen hat und die ich aus dem Ethikunterricht der Mittelstufe kannte. Sie möchte sich verabschieden, da sie es an der Schule nicht mehr ausgehalten hätte und einen anderen Weg für sich finden müsse. Man ist fast fassungslos, hätte nicht für möglich gehalten, dass es so etwas geben würde. Man hat nichts bemerkt und auch nichts gewusst, wenn dieses Gespräch nicht stattgefunden hätte. Keine Klagen, sondern die ganz einfache sachliche Feststellung über den nicht mehr aushaltbaren Leidensdruck: In diesem Fall vorrangig durch Mitschüler veranlasst. Und wir hatten nichts gemerkt. Wir hatten nicht helfen können und die Schülerin verlässt nach der 11. Klasse die Schule, um woanders ihren Weg zu suchen. Kein Ruhmesblatt für eine Schule. Hilflosigkeit, Ärger und ein wenig Wut, dass man nichts merkt, keine Zeit für Probleme hat, keine Stunden anbieten kann. Natürlich sind wir in der Pflicht, aber wie soll jemand mit 25-28 Stunden in der Woche und Klassengrößen an die 30 und mehr dies auch noch auffangen. Wie freuen wir uns alle, wenn wir mal doch eine geteilte Klasse haben oder einen kleinen Kurs unterrichten dürfen. Sofort sieht man fast jede Stimmung der Einzelnen, kann nachfragen oder ins Gespräch kommen. Aber das sind leider die Ausnahmen!

Das wirft die grundsätzlich Frage auf, ob sich Lehrer und Lehrerinnen über den allgemeinen Bildungsauftrag hinaus dem ganzen Menschen zuwenden sollen, auch wenn der in Schwierigkeiten steckt, oder dem Menschen als Schüler, der unterrichtet wird und von dem Leistungen einzufordern sind.

Vor Jahren hat ein jetziger Kollege und ehemaliger Schüler des HGF bei der Abiturverabschiedung Kritik geübt, dass es zu viele Wissensvermittlungsbesamte gäbe und zu wenig Pädagogen. Und das predige ich meinen jungen Kolleginnen und Kollegen in jedem Studienjahrgang, dass sie sich niemals hinter dieser Wissensvermittlung verstecken dürfen – auch wenn das bisweilen der einfachere Weg ist. Natürlich sind Leistungen abzufordern, aber wir haben es zunächst einmal mit Menschen zu tun, die grundsätzlich lernwillig und eifrig sind. Und denen müssen wir die Chancen dazu geben, zu lernen und erfolgreich zu sein und sie, wo immer es geht, zu unterstützen und ihnen helfen. Wenn jemand in Schwierigkeiten steckt, wäre es zwingend notwendig, herauszufinden, wo diese liegen, um dann helfen zu können. Und dafür müssen logischerweise unterschiedliche Mittel eingesetzt werden. Dass dabei differenziert vorgegangen werden muss, versteht sich von selbst. Und Schüler merken schon – bilde ich mir ein – ob sich da jemand nur beliebt machen will oder wirklich helfen will. Spätestens nach dem Abitur wird dies vielen klar.

Gibt es, über den allgemeinen Bildungsauftrag hinaus, eine explizit formulierte, zwischen Schulleitung und Lehrern für verbindlich erklärte Vereinbarung an der Schule?

Das ist zunächst einmal der ganz normale Auftrag eines Lehrers und dies benötigt aus meiner Sicht keine weiteren Vereinbarungen. Wenn dies nicht Selbstverständlichkeiten sind, werden Anordnungen auch nichts nützen. Wie sagt in diesem Fall der Volksmund ziemlich richtig: Entweder man hat da ein Gespür oder eben nicht. Und ob man das lernen kann, wage ich fast zu bezweifeln.

Wie ist die Lage zwischen einem etwaigen Anspruch und der Wirklichkeit? Welche Überforderung, welche Grenzen sehen Sie bei den Lehrern?

Wie schon angedeutet, die Belastung steigt ständig und die zusätzlichen Aufgaben neben dem normalen Unterrichten kosten immer mehr Kraft. Nimmt man seine Aufgaben ernst und versucht in allen Stunden stets genau vorbereitet zu sein, den fröhlichen und stets bestens gelaunten Unterhalter a la Lehrer Specht oder in dieser neuen etwas ruppigeren Version bei den Privaten zu spielen, kommt man bald an die eigenen Grenzen. Und diese Spielversionen im Fernsehen haben mit der Realität ja überhaupt nichts zu tun, wenn man von Stunde zu Stunde in die Klassen hetzt und vom Ersatzpapa bis zum Unidozenten fast alle Register zu ziehen hat, weil das mehr oder weniger erwartet wird. Dazu die Korrekturen – und wer nicht im System ist, kann nicht nachvollziehen, was dies bedeutet. Hefte kontrollieren, Bemerkungen abgeben, Stegreifaufgaben und Schulaufgaben vorbereiten, Schulaufgaben und Übungen korrigieren und mit hilfreichen Bemerkungen versehen, etc.

Bei aller Belastung, haben Lehrer und Lehrerinnen manchmal vielleicht auch zu wenig Vorstellung von den individuellen Lebens- und Lernbedingungen ihrer Schüler und setzen ihre eigene Vorstellung von Normalität als Grundlage ihres Unterrichts voraus?

Schwierige Frage und auch grundsätzlich nicht ganz einfach. Wie stark interessiere ich mich für die häuslichen Verhältnisse. Darf ich mich da überhaupt einmischen oder muss ich die Privatsphäre respektieren? Ich befürchte, dass wir uns da insgesamt zu sehr zurücknehmen, vielleicht auch zurückhalten müssen. Ein solches Engagement können wir auch gar nicht leisten, wenn nicht die Offenheit von Schüler- und Elternseite vorhanden sein sollte. Schutzbehauptung? Wirklich schwierig und problematisch.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich biete Hilfen an, oft auch mit E-Mail-Adresse und Anschrift und habe allerdings bisher nur sehr wenige "Hilferufe" bekommen. Wahrscheinlich kümmere ich mich auch zu wenig um diese Problematik. Die Schülerin, von der ich anfangs erzählte, geht mir nach wie vor im Kopf herum.

Welche institutionellen Hilfsangebote gibt es für Lehrer, die ihre pädagogischen und menschlichen Grenzen ausweiten wollen?

Da gibt es natürlich die verschiedensten Fortbildungsveranstaltungen. Ob man diese jedoch überhaupt andenkt, ist wohl sehr unterschiedlich bei uns Lehrern ausgeprägt. Zunächst interesssiert uns natürlich bei Fortbildungen die Aussicht auf Hilfen für den wissenschaftlichen Unterricht (Wissensvermittlungsbeamte) und der – ich stehe schon auch dazu – ist zunächst einmal die Grundaufgabe jeglichen Unterrichtens. Und wenn das läuft und funktioniert und man das versiert in die Klassen bringt, kann man leichter reagieren und Signale im Unterricht erkennen und gegebenenfalls darauf reagieren.

Welche institutionellen Hilfsangebote gibt es für Schüler und Schülerinnen in seelischer Not an der Schule?

Es gibt Beratungslehrer und einen Schulpsychologen an der Schule. Eigentlich alles da und auch vorgesehen. Inwieweit diese Möglichkeiten in Anspruch genommen werden, kann ich nicht sagen. In diesem Schuljahr engagiert sich ein Kreis von Lehrern, Lehrerinnen, Schülerinnen und Schülern in der Ausbildung zu so genannten Streitschlichtern. Ein Programm das präventiv wirken soll und sicherlich ein positiver Beitrag zur allgemeinen Schulentwicklung sein wird.

Oft sind die allgemein menschliche Dimension und niederschwellige Kontaktangebote wichtiger als institutionelle Angebote. Können Sie, trotz der genannten Einschränkungen Schülerinnen und Schülern Mut machen, sich ihren Lehrern anzuvertrauen, ohne zurückgewiesen zu werden – aus Mangel an Zeit, aus Mangel an Einfühlung, aus Mangel an....

Viele von uns bieten ihre Hilfe an und reden nicht viel darüber. Das ist – glaube ich – viel, viel besser geworden als vor Jahren. Vielleicht ist dies für Schülerinnen und Schüler noch nicht die Selbstverständlichkeit, sich ihren Lehrerinnen und Lehrern anzuvertrauen und oft geschieht dies erst, wenn irgendwelche Probleme bereits sehr groß geworden sind.

Kontakt braucht Gelegenheit. Welche Bedingungen kann Schule schaffen, um Begegnungen und Kennenlernen soweit normal und unverbindlich sein zu lassen, dass persönliche Gespräche ungezwungen daraus entstehen und sich wiederholen können, ohne dass sie von Verantwortung und Erwartung überfrachtet sein müssen und zuviel Mut erfordern? Was ist Ihr Wunsch dazu?

Wieder einmal muss ich von Amerika – obwohl es da auch viel Kritisches über den Schulbetrieb anzumerken gäbe – und meinen Erfahrungen berichten. Wenn auf vier oder fünf Schüler in privaten Einrichtungen eine Lehrkraft kommt, kann man mit jungen und älteren Schülern natürlich ganz anders arbeiten und auf sie eingehen, als im staatlichen Schulsystem. Seit Jahren wird gefordert, die Quote der Wiederholer zu reduzieren. Wie soll das gehen, wenn Schüler wie Lehrer und Eltern überfordert sind. Andere Länder, die so toll bei PISA und anderen Test abgeschnitten haben, investieren vom Kindergarten bis zum Abitur viel mehr in die Ausbildung. Und wie sieht das bei uns aus? Die sogenannte Unterrichtsversorgung ist wichtig und wer ad wie vor den Klassen steht, scheint eher zweitrangig zu sein. Gelder gibt es offensichtlich in vielen Bereichen fast eher problemlos, aber im Schulbereich scheint das nicht nur im Personalbereich sehr schwierig zu sein. Dass sich die familiären Strukturen und Situationen unserer Schüler von denen vor 30 oder 40 Jahren ganz erheblich unterscheiden, ist ja auch nícht ganz unbekannt.

Hätten wir bei sogenannten schwierigen Fällen in den Klassen eine pädagogische Hilfskraft oder einen zweiten Lehrer, der einspringt, betreut, weiterhilft, wenn es Probleme gibt, etc., wir würden kaum noch Wiederholer haben. Wie glücklich sind wir fast alle, wenn wir in unsere Intensivierungstunden in den verschiedenen Klassenstufen gehen. Da sitzen 10-15 Kinder und freuen sich und sind neugierig. Und es macht fast keine Probleme, Ruhe und Arbeitsatmosphäre herzustellen. Und fast alles läuft von allein und alle freuen sich und der Lernzuwachs oder die Vertiefung geschehen fast wie selbstverständlich. Wie schön wäre das, wenn wir grundsätzlich nicht mehr als 20 Schüler in unseren Klassen hätten. Wie würden unsere Schüler besser kennen, wir könnten viel mehr helfen und bei Problemen da sein. Und ich bin so keck zu behaupten, dass da manches Problem gelöst werden könnte oder sich gar nicht entwickeln würde.

Herr Track, wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.

Allen Schülerinnen und Schülern, die vielleicht gerade in einer schwierigen Situation sind und niemanden haben, mit dem sie reden können, möchten wir Mut machen. Geht auf die Lehrerinnen und Lehrer zu, die Euch vertrauenswürdig erscheinen und sagt "Es stimmt etwas nicht". Wenn die Lehrer von sich aus nicht immer so aufmerksam sind, wie ihr das vielleicht hofft, heißt das nicht – das hat das Interview sicher deutlich gemacht – dass sie Euch nicht helfen wollen. Jeder einzelne von Euch ist wichtig und wertgeschätzt. Deshalb seid auch nicht verzagt, falls Ihr beim ersten Versuch Euch zu öffnen nicht unmittelbar mit Verständnis belohnt werdet. Manchmal braucht Verständnis ein bisschen Zeit und Geduld.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 03. Februar 2010 um 15:44 Uhr