|
|
Förderverein – Hardenberg-Gymnasium FürthMiroslav Nemec liest Miljenko Jergović' "Freelander""Einer der Autoren, die heute unter kroatischen Intellektuellen sehr populär ist, ist der österreichische Autor Thomas Bernhard", so Jergović, "Man liebt ihn hier für seine kritische Haltung gegenüber Österreich - unsere Autoren würden so gern so schreiben, aber nicht über Kroatien, sondern etwa über Österreich. Sie wollen sich nicht mit dem kroatischen KZ Jasenovac auseinandersetzen, sondern über Auschwitz und Buchenwald sprechen. Ich bin aber davon überzeugt, dass Kroatien keine ehrwürdige Nation werden kann, wenn das Land und seine Repräsentanten nicht auch Verantwortung für das gewesene Grauen übernehmen." Beim Lesen von "Freelander" denkt man unweigerlich an Thomas Bernhard - nicht der Stilistik, sondern des Genres wegen. "Freelander" ist nicht in erster Linie das Roadmovie, als das es sich besser verkauft - es ist ein Heimatroman. Ein Roman, der den Blick unbarmherzig scharfstellt auf eine in Blut und Boden verdorbene Heimat und ihre Menschen, voller Verstrickungen und knotiger Verwurzelungen. "Kroate zu sein, bedeutet heute auch, Verantwortung zu übernehmen dafür, was Kroaten vor nicht allzu langer Zeit denen, die nicht Kroaten sind, angetan haben", so Miljenko Jergović. "Das Identifizieren mit den kitschigen, spießbürgerlichen Teilen der eigenen Identität führt in Unwissenheit und letztlich in den Faschismus." Jergović schont den Leser nicht, wenn er ihn zusammen mit Professor Karlo Adum in einem dreißig Jahre alten Volvo auf die Reise durch den Balkan schickt. Zutiefst verstörende Bilder brennen sich ein, auf der Fahrt durch die inneren und äußeren Gegenden, Zeugnisse der Verwahrlosung und Beschädigung. Bereit auszusteigen und zu fliehen, bleibt der Leser doch von der Faszination der Sprache - ins Deutsche übersetzt von Brigitte Döbert - angezogen und von der Brillianz, mit der Jergović auf nur zweihunderteinunddreißig Seiten Dichte erzeugt, gebannt. Lässt sich immer wieder neu von Jergović' glasscharfen Humor zu einem Lachen verführen. Ein Lachen, das nicht befreit, sondern noch tiefer irritiert. Der Leser kann die Strecke zwischen Zagreb und Sarajewo, auf der Professor Adum unterwegs ist, nicht berechnen – nicht einmal Google Maps kann das. Weiße Flecken auf der Landkarte, die Jergović füllt und selbst da unerbittlich bleibt, wo wir uns danach sehnen, uns in dieser unwirtlichen Gegend wenigstens mit dem Protagonisten der Handlung verbünden zu dürfen. Jergović versagt den Grund, seinen Helden sympathisch zu finden. Als hingegen am 30. Juni 2010 in der Halle C des Hardenberg-Gymnasiums Miroslav Nemec aus "Freelander", dem Buch seines Freundes Miljenko Jergović, liest, wird das Bedürfnis der etwa hundert Zuhörer nach Sympathie aufs Vornehmlichste bedient. Miroslav Nemec, selbst Kroate, Musiker und Sympathieträger aus vielen Tatort-Folgen, trägt mit seinem grandiosen Vortrag, präsent von den Fuß- bis zu den Haarspitzen, über die Katastrophen des Romanes hinweg. Mit seiner Auswahl an Textsequenzen schont er das Publikum weitgehend - wir hören nicht den verstörenden Heimatroman, sondern das Roadmovie. Als es gleich zu Beginn doch heftig wird, erklärt uns Miroslav Nemec, wir hätten das Schlimmste nun schon hinter uns - als sorgte er sich, er könne uns an diesem warmen Sommerabend zuviel zumuten. Aber auch wenn Miroslav Nemec die Akzente des Romanes verschiebt und dem Publikum erlaubt, skurril zu finden, was im Kontext des Romanes bösartig grotesk wirkt, bleibt sein Vortrag in jedem Moment authentisch und voll glaubwürdigem Respekt. Das Publikum dankt es mit anhaltendem, ungezwungenem Applaus. Der Bücherstand macht nach der Lesung guten Umsatz. Und Miroslav Nemec signiert entspannt Bücher und Autogrammkarten. Ursula Berti
Seit 1988 hat Studiendirektor Karl Track bereits weit über hundert Lesungen am Hardenberg-Gymnasium organisiert. Am letzten Mittwoch war einmal mehr große Literatur eingezogen. Ariane Niehoff-Hack führte charmant und klug durch den Abend. Ein besonderer Höhepunkt im Schuljahr. Ein Gewinn für die Fürther Kultur.
Deutschlandfunk, Büchermarkt, Sendung vom 25.03.2010 Schweizer Radio, DRS2-aktuell, Sendung vom 23.02.2010
Traumatische Irrfahrt durch den Balkan – "Tatort"-Schauspieler Miroslav Nemec las am Hardenberg-Gymnasium aus "Freelander" (FN, 02.07.2010) Fotos: Simon Kinkelin / Werner Gensmantel / Ursula Berti |
||||
| Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 06. November 2010 um 20:56 Uhr |












